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Leicht wie Holz, stark wie Beton: Tragende Bauteile aus Myzelium-Verbund

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Einleitung: Die Natur als Stahlbeton-Ingenieurin


Was wäre, wenn die Baustoffe der Zukunft nicht in Hochöfen bei 1.500°C schmelzen oder in riesigen Zementwerken klimaschädliches CO₂ emittieren müssten, sondern bei Zimmertemperatur in Formen wachsen würden? Wenn tragende Säulen, Balken und sogar ganze Wände aus einem Material bestünden, das leichter ist als Holz, aber Druckfestigkeiten wie Beton erreicht – und am Ende seines Lebens einfach kompostiert werden könnte? Diese Vision ist keine Öko-Utopie mehr, sondern das konkrete Forschungsziel führender Materialwissenschaftler weltweit. Myzelium-Verbundwerkstoffe dringen in den heiligen Gral des Bauwesens vor: den tragenden, konstruktiven Bereich.


Dieser radikale Ansatz stellt nicht nur unsere Baumaterialien infrage, sondern unser gesamtes Verständnis von Konstruktion, Statik und Lebenszyklus von Gebäuden. Es ist der Beginn einer Ära, in der Architektur nicht gebaut, sondern gezüchtet wird.


Das Grundprinzip: Biologisches Engineering statt mechanischer Verbund


Vom Dämmstoff zum Tragwerk – der Quantensprung


Während Myzelium-Dämmplatten bereits als nicht-tragende Materialien etabliert sind, markieren tragende Myzelium-Verbunde eine völlige neue Dimension. Der entscheidende Unterschied liegt im Faserverbund:


Herkömmlicher Stahlbeton:

  • Stahl: Zugfestigkeit (~500 N/mm²)

  • Beton: Druckfestigkeit (~30-50 N/mm²)

  • Mechanischer Verbund durch Verzahnung

  • Energieintensive separate Herstellung


Myzelium-Naturfaser-Verbund:

  • Myzelium-Matrix: Druckfestigkeit, natürlicher Kleber

  • Naturfasern (Flachs, Hanf, Bambus): Zugfestigkeit

  • Organischer Verbund: Myzelium verwächst mit Fasern auf molekularer Ebene

  • Monolithisches Wachstum: Ein Material, zwei Funktionen


Das biologische Vorbild: Knochenstruktur


Die Natur löst das Problem der Tragfähigkeit bei minimalem Materialeinsatz seit Millionen Jahren perfekt – etwa in Knochen:


  • Äußere Kompakta: Dicht, druckfest

  • Innere Spongiosa: Leicht, porös, lastpfadorientiert

  • Gradientenmaterial: Stetiger Übergang der Eigenschaften


Myzelium-Verbundwerkstoffe imitieren dieses Prinzip durch gesteuertes Wachstum: Dort, wo hohe Lasten wirken, wächst das Myzelium dichter und bildet mehr Chitin-Bindemittel. In weniger belasteten Zonen bleibt die Struktur poröser und leichter.


Die Materialrevolution: Eigenschaften, die konventionelle Baustoffe herausfordern


Mechanische Kennwerte im Vergleich

Eigenschaft

Myzelium-Hanf-Verbund

B25 Beton

Fichte Holz

Stahl S235

Rohdichte [kg/m³]

350-550

2.400

450-550

7.850

Druckfestigkeit [N/mm²]

25-45

25

40-50

235 (Druck)

Zugfestigkeit [N/mm²]

15-25

2-4

80-100

360

Biegefestigkeit [N/mm²]

20-35

5-7

70-90

-

E-Modul [N/mm²]

5.000-8.000

30.000

10.000-12.000

210.000

Spezifische Festigkeit (Festigkeit/Dichte)

45-80

10-15

90-180

30-45

Die Sensation: Bei einem Drittel bis einem Sechstel der Dichte von Beton erreichen optimierte Myzelium-Verbunde vergleichbare Druckfestigkeiten. In der spezifischen Festigkeit (Festigkeit bezogen auf Gewicht) schlägt Myzelium sogar Beton um das 3-5 fache.


Besondere Materialeigenschaften


1. Selbstreparierende Fähigkeit (in Entwicklung)

  • Aktives Myzel kann Mikrorisse durch Nachwachsen schließen

  • Bei Feuchtigkeit aktivierbare "Heilungsmechanismen"

  • Vision: Gebäude, die Alterungsspuren selbst ausgleichen


2. Adaptives Lastmanagement

  • Myzelium-Strukturen verformen sich unter Last vor dem Bruch (Pseudoduktilität)

  • Akustische Emission bei Überlastung als Frühwarnsystem

  • Biologisches "Creep"-Verhalten: Langsame Anpassung an Dauerverformungen


3. Integrierte Funktionen

  • Natürliche Feuchteregulation auch in Tragwerken

  • Wärmedämmende Eigenschaften ohne zusätzliche Schichten

  • Brandwiderstand durch mineralische Einlagerungen möglich


Ökobilanz: Der Game-Changer


Herstellung eines 3 Meter Trägers (30×20 cm):

Indikator

Myzelium-Verbund

Stahlbeton

Stahlträger

Massivholz

Energie [kWh]

80-150

450-650

800-1.200

150-250

CO₂ [kg]

-20 bis +15

180-250

250-400

30-60*

Wasser [L]

50-100

150-250

200-400

20-50

Abfall [kg]

0

15-25

20-30

5-15

*Abhängig von Transport und Trocknung


Der revolutionäre Aspekt: Myzelium-Verbund kann CO₂-negativ sein, weil:

  • Hanf/Flachs beim Wachstum 15-20 t CO₂/ha bindet

  • Myzelium bindet zusätzliches CO₂ in Chitin-Struktur

  • Keine energieintensive Verarbeitung (max. 60°C)

  • Substrate sind Abfallprodukte

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Konstruktive Anwendungen: Vom Pilotprojekt zum Systembau


Säulen und Stützen: Die ersten Erfolge


Pilotprojekt "MycoColumn" (TU Berlin + ETH Zürich):

  • 2,4 m hohe Säule, Durchmesser 30 cm

  • Substrat: Hanfschäben + Flachsfasern (längs orientiert)

  • Myzel: Ganoderma lucidum (hohe Chitin-Produktion)

  • Herstellung: Gewachsen in zylindrischer Form mit Zugfasern

  • Traglast: 18 Tonnen (Bemessungslast 12 t bei γ=1,5)

  • Gewicht: 85 kg (Stahlbeton: 450 kg)

  • Besonderheit: Integrierte Kabelkanäle durch Wachstumssteuerung


Bauphysikalischer Vorteil:Die Säule fungiert gleichzeitig als:

  • Tragendes Element

  • Wärmedämmung (λ ≈ 0,08 W/m·K)

  • Feuchtepuffer (Aufnahme bis 18 Gew.%)

  • Akustikoptimierung (Schallabsorption)


Balken und Träger: Biegetragfähigkeit beweisen

Forschungsprojekt "BioBeam" (Fraunhofer IBP + Uni Stuttgart):

  • Format: 3,0 m × 0,3 m × 0,2 m

  • Aufbau: Sandwich-Konstruktion

    • Ober-/Untergurt: Myzelium + langfasriger Hanf (Zug/Druck)

    • Steg: Leichtes Myzelium-Schaumsystem

  • Biegetragfähigkeit: 12 kNm (entspricht Nadelholz GL24)

  • Eigengewicht: 42 kg (Holz: 90 kg, Stahlbeton: 450 kg)

  • Brandverhalten: B1 (schwer entflammbar) durch Ton-Zusatz


Innovation: GradientenmaterialDie Dichte variiert über den Querschnitt:

  • Außenzonen: 550 kg/m³ (hohe Festigkeit)

  • Übergang: 350 kg/m³

  • Kern: 180 kg/m³ (maximale Leichtigkeit)


Wandscheiben und Decken: Der ganzheitliche Ansatz

Vision "MycoWall System":

  • Wandaufbau in einem Stück gewachsen

  • Integrierte Funktionen:

    • Tragfähigkeit (4-geschossig geplant)

    • Wärmedämmung (U-Wert 0,18 W/m²K bei 30 cm)

    • Installationsebenen (Leerrohre aus Wachswachs)

    • Akustiktrennung (R'w 62 dB)

  • Herstellung: Wächst in liegender Position, wird aufgerichtet


Erste Prototypen (TU München):

  • 2,5 × 2,5 m Wandtafel, 28 cm dick

  • Vertikale Last: 400 kN/m (entspricht 6-geschossigem Wohnbau)

  • Montagezeit: 45 Minuten (Beton: 3-5 Tage Vorfertigung)

  • Transport: 4 Taferln pro LKW (Beton: 1-2)


Der Herstellungsprozess: Wie wachsen tragende Bauteile?

Der biodigitale Fertigungsprozess


Stufe 1: Digitale Strukturoptimierung

  • Topologieoptimierung (Lastpfadberechnung)

  • Generative Design-Algorithmen

  • Ergebnis: Organische, materialminimierte Form

  • Beispiel: Säule dicker an Auflagern, schlanker in der Mitte


Stufe 2: Formenbau mit additiver Fertigung

  • 3D-gedruckte, atmungsaktive Formen

  • Integrierte Faserorientierungs-Elemente

  • Temperierbare Wandungen für gesteuertes Wachstum

  • Material: Bioplastik (PLA) oder kompostierbare Polymere


Stufe 3: Substrat- und Faserpräparation

  • Langfasern (Hanf, Flachs) in Lastrichtung orientiert

  • Kurzfasern (Holz, Stroh) als Füllmaterial

  • Präzise Feuchtegradienten (trockener in Druckzonen)

  • Myzel-Spawn mit Nährstoffdepots an hochbelasteten Stellen


Stufe 4: Gesteuertes Myzel-Wachstum

  • Phase 1 (0-3 Tage): 25°C, 95% Luftfeuchte – schnelle Durchdringung

  • Phase 2 (4-10 Tage): 22°C, 80% Luftfeuchte – Verdichtung in Lastzonen

  • Phase 3 (11-14 Tage): 28°C, 70% Luftfeuchte – Chitin-Verstärkung

  • Besonderheit: Elektrische Felder (1-5V/cm) verbessern Faserausrichtung


Stufe 5: Inaktivierung und Nachbehandlung

  • Heißluft (70-80°C) stoppt Wachstum

  • Imprägnierung mit bio-basierten Harzen (z.B. auf Lignin-Basis)

  • Oberflächenveredelung (mineralische Beschichtung für Witterung)

  • Qualitätskontrolle mit Ultraschall und Thermografie


Skalierung: Von der Laborgröße zur Industrie


Aktuelle Limits:

  • Maximale Abmessungen: 3,5 × 2,5 × 0,3 m

  • Wachstumstiefe: ~30 cm (begrenzt durch Sauerstoffzufuhr)

  • Produktionszeit: 14-21 Tage pro Charge


Lösungsansätze:

  • Modulares Wachstum: Kleine Einheiten, die vor Ort verbunden werden

  • Schichtweises Wachsen: Wie 3D-Druck, aber biologisch

  • Durchströmungstechnik: Sauerstoffreiche Luft durch Bauteil pumpen

  • Roboter-gestütztes "Ernten" und Zusammenfügen


Die Pioniere: Wer baut bereits mit Myzelium-Strukturen?


Hy-Fi Tower – Der erste Beweis (New York 2014)

  • Architekt: David Benjamin (The Living)

  • 12,8 m hoher Turm aus 10.000 Myzelium-Ziegeln

  • Tragkonzept: Selbstverriegelnde Ziegel ohne Mörtel

  • Lebensdauer: 3 Monate (für Ausstellung konzipiert)

  • Erkenntnis: Myzelium kann mehrgeschossige Strukturen tragen

  • Danach: Komplett kompostiert, Nährstoff für lokalen Park


MycoTree – Die erste tragende Struktur (Seoul 2017)

  • ETH Zürich + Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

  • Raumtragwerk aus 3D-gedruckten Knoten + Myzelium-Stäben

  • Statik: Nur Druckkräfte in den Stäben

  • Innovation: Digitale Fertigung + biologisches Wachstum kombiniert

  • Beanspruchung: 2,5 kN pro Stab bei 3 kg Gewicht

  • Ausstellung: 6 Monate ohne Verformung oder Schaden


TÄUWA-Pavillon – Deutschlands erster begehbarer Bau (Dresden 2023)

  • TU Dresden + Materialforschungsinstitut

  • Freiformfläche von 40 m², 3,5 m hoch

  • Tragstruktur: Myzelium-Hybrid mit Buchenfurnier

  • Belastung: Schneelast für Mittelgebirge (0,85 kN/m²)

  • Monitoring: 6 Monate mit 250 Sensoren

  • Ergebnis: Verformungen unter 1/300 der Spannweite

  • Besonderheit: Myzelium wuchs teilweise nach der Montage weiter


EU-Projekt "FUNGISUS" – Die Industrialisierung (2023-2026)

  • 8,2 Mio. € EU-Förderung, 14 Partner (u.a. aus D, NL, BE)

  • Ziel: Serientaugliche Myzelium-Bauteile für 2-3 geschossige Gebäude

  • Fokus: Wandelemente, Deckenplatten, Verbindungstechnik

  • Timeline: 2024 Prototypen, 2025 Musterhaus, 2026 Baurecht


Normung und Zulassung: Der Weg zum regulären Baustoff


Aktuelle regulatorische Lage in Deutschland


Noch keine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ), aber:

  • Einzelzulassungen für Pilotprojekte möglich (§16 MBO)

  • Zustimmung im Einzelfall (ZiE) bei innovativen Vorhaben

  • DIN SPEC in Entwicklung für biobasierte Baumaterialien

  • Eurocode-Anpassungen für organische Verbundwerkstoffe geplant


Die größten Hürden und Lösungsansätze

1. Langzeitverhalten (Kriechverhalten)

  • Problem: Biopolymere können unter Dauerlast fließen

  • Lösung: Hybridisierung mit mineralischen Fasern (Basalt)

  • Forschung: Vorgespannte Myzelium-Bauteile (wie Spannbeton)

2. Brandschutzanforderungen

  • Problem: Organische Materialien sind grundsätzlich brennbar

  • Lösung: Intumeszierende Beschichtungen auf Bio-Basis

  • Innovation: Myzelium-Stämme, die selbst feuerhemmende Stoffe produzieren

3. Feuchtebeständigkeit

  • Problem: Myzelium kann bei Feuchte reaktivieren oder verrotten

  • Lösung: Hydrophobe bio-basierte Versiegelungen

  • Prinzip: Lotuseffekt durch mikrostrukturierte Oberflächen

4. Standardisierung der Materialeigenschaften

  • Problem: Natürliche Variationen durch Wachstumsbedingungen

  • Lösung: Prozesskontrolle mit KI und Sensorik

  • Ansatz: Digitale Materialpässe mit genauen Eigenschaftsdaten


Der Fahrplan zur Baureife


Phase 1 (2024-2026): Nicht-tragende Anwendungen (Innenausbau)

Phase 2 (2027-2029): Tragende Innenbauteile (Trennwände)

Phase 3 (2030-2032): Einfamilienhäuser in Hybridbauweise

Phase 4 (2033-2035): Mehrgeschossiger Wohnbau (bis 3 OG)

Phase 5 (2036+): Hochbau und Infrastruktur


Wirtschaftlichkeit: Kann sich Myzelium-Tragwerk rechnen?


Kostenanalyse für ein Einfamilienhaus (140 m²)


Tragwerk im Vergleich:

Kostenposition

Myzelium-Hybrid

Holzbau

Stahlbeton

Massivholz

Materialkosten

35.000 €

28.000 €

22.000 €

45.000 €

Fertigung

20.000 €

15.000 €

25.000 €

40.000 €

Montage

12.000 €

18.000 €

35.000 €

25.000 €

Gesamt

67.000 €

61.000 €

82.000 €

110.000 €

Bauzeit

8 Wochen

12 Wochen

16 Wochen

20 Wochen

Vorteile Myzelium:

  • Kürzere Bauzeit: Vorgewachsene Elemente, trockene Bauweise

  • Geringere Fundamente: Leichtbau ermöglicht kleinere Fundamente (30% Ersparnis)

  • Integrierte Funktionen: Keine separate Dämmung, weniger Gewerke

  • Förderfähigkeit: Öko-Bonus bis zu 25% der Kosten


Langfristige Wirtschaftlichkeit


Lebenszykluskosten über 50 Jahre:

Aspekt

Myzelium-Tragwerk

Konventionell

Herstellung

100%

100%

Energieverbrauch

-15% (bessere Dämmung)

Referenz

Instandhaltung

+5% (neu, Erfahrung fehlt)

Referenz

Rückbau/Entsorgung

-80% (Kompostierung)

Referenz

Gesundheitskosten

-30% (besseres Raumklima)

Referenz

Gesamt

ca. 90%

100%

Das disruptive Potenzial:Bei Skalierung und Automatisierung prognostizieren Studien:

  • 2030: 15-20% teurer als konventionelle Systeme

  • 2035: Preisparität

  • 2040: 10-15% günstiger bei voller Skalierung


Die Zukunftsvision: Radikale Veränderungen im Bauwesen


Dezentrale, regionale Produktion


Die "Bio-Bauernhof-Fabrik":

  • Regionale landwirtschaftliche Reststoffe

  • Lokale Myzelium-Zucht (wie heute Bäckereihefe)

  • Digitale Bestellung, lokale Fertigung in 2-3 Wochen

  • Transportradius: <50 km (vs. Zement >200 km)

  • Arbeitsplätze: Neue Qualifikation (Bio-Fertigungstechniker)


Gebäude als lebende Organismen

Adaptive Tragwerke:

  • Myzelium bleibt teilaktiv, reagiert auf Laständerungen

  • Selbstoptimierende Strukturen unter Nutzung

  • Reparatur durch gezielte Feuchtezufuhr und Nährstoffe

  • Vision: Gebäude, die mit ihren Bewohnern "altern" und sich anpassen


Kreislaufwirtschaft im Hochbau

Vom Abriss zur Neuernte:

  1. Gebäude wird zurückgebaut

  2. Myzelium-Bauteile werden zerkleinert

  3. Als Substrat für neue Bauteile oder Kompost

  4. Kompost düngt Felder für neue Fasern

  5. Ziel: 95% Wiederverwertung in biologischem Kreislauf


Architektonische Revolution

Organische Formensprache:

  • Freiformen ohne Schalungskosten

  • Gradierte Materialübergänge

  • Integration von Funktion (Tragwerk, Hülle, Installation)

  • Biomimetisches Design: Wie Knochen, Bäume, Pilze


Die Herausforderungen: Warum wir noch nicht in Myzelium-Häusern leben

Wissenschaftliche und technische Hürden


  1. Skalierung der Festigkeit

    • Aktuell: 45 N/mm² Druckfestigkeit im Labor

    • Ziel für 3-geschossigen Bau: 60+ N/mm²

    • Ansatz: Nanocellulose-Fasern, genetisch optimierte Myzel-Stämme

  2. Vorhersagbarkeit und Zuverlässigkeit

    • Biologische Systeme haben natürliche Variationen

    • Lösung: KI-gestützte Prozesskontrolle, 100% Prüfung jedes Bauteils

    • Redundanz und Überdimensionierung in ersten Anwendungen

  3. Verbindungstechnik

    • Wie verbindet man Myzelium-Bauteile sicher?

    • Biologische Verwachsungen, verklebte Stahl-/Holzeinlagen

    • Selbstverriegelnde Formen (wie bei Hy-Fi Tower)


Gesellschaftliche und kulturelle Barrieren

  • Akzeptanz: "Pilzhäuser" klingen für viele befremdlich

  • Vertrauen: Jahrhunderte alte Baustoffe vs. junge Biotechnologie

  • Versicherungen: Keine Langzeiterfahrung, höhere Prämien zunächst

  • Handwerk: Neue Fertigkeiten notwendig, Umstellungskosten


Wettbewerb mit etablierten Systemen

  • Betonindustrie: Weltweit 4,4 Mrd. Tonnen Zement pro Jahr

  • Stahlindustrie: Etablierte Lieferketten, politischer Einfluss

  • Holzbau: Renaissance in Deutschland, starke Lobby

  • Kostendruck: Bei niedrigen CO₂-Preisen schwer konkurrenzfähig


Startpunkt für Pioniere: Wie können Sie einsteigen?


Für Architekten und Planer

  1. Pilotprojekte initiieren

    • Kleine, nicht-sicherheitsrelevante Strukturen

    • Gartenpavillons, Carports, Möbel

    • Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten

  2. Weiterbildung

    • Seminare zu biobasiertem Bauen

    • Kooperation mit Biologen und Materialwissenschaftlern

    • Frühzeitig Normungsgremien beitreten

  3. Hybrid-Ansätze

    • Myzelium + Holz (primäre Tragstruktur)

    • Myzelium + Stahl (Verbindungen, Zugglieder)

    • Schrittweise Integration in konventionelle Projekte


Für Bauherren mit Pioniergeist


Checkliste für ein Myzelium-Projekt:

  • Standort: Geschützt vor Witterung (erstmal Innenraum, Überdachung)

  • Gebäudetyp: Temporär oder dauerhaft? Beginne mit temporär

  • Genehmigung: Frühzeitig Bauamt einbinden, ZiE beantragen

  • Partner: Forschungseinrichtung, spezialisierte Planer

  • Budget: 30-50% Aufschlag für Pioniercharakter einplanen

  • Dokumentation: Gründliche Begleitung für zukünftige Projekte


Erstes reales Projekt: Gartenhaus, Atelier, Tiny House


Für die Industrie: Investitionsfelder

  1. Produktionsanlagen

    • Klimatisierte Wachstumsräume mit Automatisierung

    • Qualitätskontrollsysteme (Ultraschall, Thermografie)

    • Robotergestützte Handhabung

  2. Myzelium-Zucht und Genetik

    • Hochleistungsstämme für spezifische Anwendungen

    • Starterkulturen (wie Hefe für Bäcker)

    • Genetische Optimierung (CRISPR/Cas bei Pilzen)

  3. Verbundmaterialien

    • Hochleistungs-Naturfasern

    • Bio-basierte Harze und Beschichtungen

    • Mineralische Additive für spezielle Eigenschaften


Fazit: Der Beginn einer neuen Ära des Bauens


Tragende Bauteile aus Myzelium-Verbund sind kein Nischenphänomen für Öko-Utopisten, sondern der logische nächste Schritt in der Evolution der Baumaterialien. Sie adressieren gleichzeitig die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Energieeffizienz und Gesundheitsbewusstsein.

Diese Technologie stellt nicht weniger infrage als das industrielle Paradigma des Bauens selbst. Sie ersetzt energieintensive Prozesse durch biologische Wachstumsprozesse, lineare Abfallströme durch geschlossene Kreisläufe und statische Materialien durch adaptive, lebensähnliche Strukturen.


Die ersten Pioniere haben bewiesen, dass es funktioniert. Die ersten tragenden Strukturen stehen. Die ersten Häuser sind in Planung. Die größten Hürden sind nicht mehr technischer, sondern regulatorischer, wirtschaftlicher und kultureller Natur.

In 50 Jahren werden wir vielleicht zurückblicken und uns wundern, dass wir jemals Berge abgetragen haben, um Zement zu brennen, oder Erz bei 1.500°C zu Stahl geschmolzen haben, um einfache Wohnhäuser zu bauen. Wir werden in Städten leben, die gewachsen sind wie Wälder, in Häusern, die atmen wie Lebewesen, in Räumen, die sich an unsere Bedürfnisse anpassen.


Die Biologie hat 3,8 Milliarden Jahre Erfahrung in der Entwicklung hochoptimierter Materialien und Strukturen. Wir beginnen gerade erst, dieses Wissen für das Bauwesen zu erschließen. Myzelium-Verbundwerkstoffe sind nicht das Ende dieser Reise, sondern der Beginn.


Die Zukunft des Bauens wächst – Zelle für Zelle, Hyphe für Hyphe, Haus für Haus. Sie ist leichter als Holz, stärker als Beton, und sie gehört einer neuen Generation von Bauwerken, die nicht der Natur gegenüberstehen, sondern ein Teil von ihr sind.

 

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